Lit. Cologne 16. march 2006
Bukowski-Abend mit Marie Bäumer und Carl Weissner

Weissner-Interview von Martin Weber
KÖLNER STADT-ANZEIGER

Wann haben Sie zum ersten Mal etwas von Bukowski gelesen, und was haben Sie dabei gedacht?
1965 hatte er in einem englischen Underground-Magazin  ein halbes Dutzend Gedichte
Jedes ein Volltreffer. Mir war sofort klar:  Von dem will ich alles lesen. Jede Zeile.

Wann wurde aus der Zusammenarbeit mit ihm Freundschaft?

Die Freundschaft kam zuerst. Das Professionelle musste sein, weil er außer mir kaum
einen kannte, dem er übern Weg traute. Ich war nicht scharf darauf. Ich  hatte ja schon
zwei Berufe: Journalist und Übersetzer. Jetzt also auch noch Literaturagent.

Ihre Übersetzungen haben immens zu Bukowskis Erfolg beigetragen. Wie wichtig ist es,
dass ein Autor für eine Sprache einen festen Übersetzer hat? (Bei den ersten Büchern
von Haruki Murakami verwechselte der deutsche Verlag gar Vor- und Nachname!)

Ein Autor kann ruhig mehrere Übersetzer haben. Sie müssen nur gleich gut sein, sonst
fällt es auf. Wer mit dem Namen von Haruki Murakami schon überfordert ist, sollte na-
türlich lieber Straßenbahnschaffner werden.

Können Sie heute noch nachvollziehen, warum viele Feministinnen auf die ersten deutschen
Ausgaben allergisch reagierten?

Der Buchladen auf der anderen Straßenseite, wo ich meine Bücher bestelle, wird geführt
von drei Feministinnen, die Bukowski seit ihrem sechzehnten oder siebzehnten Lebensjahr
lesen. Manche Emanzen sind eben souverän, und andere sind es nicht.

Noch zwei Monate vor seinem Tod schrieb er: „Ein gutes Gefühl, wieder an der Maschine
zu sein, wenn auch nur kurz.“ Nicht mehr schreiben zu können wäre, unabhängig von der
Leukämie, sein Tod gewesen. Richtig?

Richtig.

Buk hat erst relativ spät mit dem Schreiben Geld verdient. Denken Sie, dass ihm das Schreiben bis dahin trotzdem – oder erst recht – eine Überlebenshilfe war?

Schreiben, Pferdewetten, Alkohol. Das war die Packung, die nötig war, damit er den nächsten
Tag noch erleben wollte.

Haben Sie ihn so erlebt, dass er auch in einer existentiell bedrohlichen Situation ganz bei
sich geblieben ist?

Seine Devise war: Auf den Tod muss man trainieren, sonst wird das nichts. Meine Theorie
ist, dass seine Selbstmordversuche nicht halbherzig waren, sondern ein Vorbereitungskurs.
In den letzten Monaten vor seinem Tod hat er mit einem 18jährigen thailändischen Mönch
unter dem Zitronenbaum in seinem Garten meditiert.

Denken Sie, dass er mittlerweile als das wahrgenommen wird, was er war – nämlich ein
ernstzunehmender Autor und eben nicht nur „the dirty old man“?

Er war beides und stand dazu. Ein ernstzunehmender Dichter war er schon 1966, sonst wäre
er damals nicht für den Pulitzerpreis nominiert worden. International ist er seit Mitte der
siebziger Jahre bei Publikum und Kritik anerkannt.

Sie gehörten mit Sean Penn zu den Sargträgern bei der Beerdigung. Waren noch andere
US-/Hollywood-Größen dabei? Und: Waren auch Menschen da, die Buk lieber nicht dort

gehabt hätte?

Sean war der einzige Glamour Boy. Ort und Zeit der Beerdigung blieben geheim, so dass nur
die kamen, die kommen sollten. Es war eine der gelungensten Beerdigungen, die ich bis jetzt
mitgemacht habe.

Kann die Welt heute mit dem Werk, das Bukowski hinterlassen hat, Schritt halten?

Dazu würde er wahrscheinlich sagen: Ich war der Welt nur einmal voraus – als ich verlangt
habe, dass im Los Angeles County Museum Stripperinnen auftreten, Bigbands spielen und
Alkohol ausgeschenkt wird.

Bei der Veranstaltung im Gloria-Kino ist die Schauspielerin Marie Bäumer dabei. Welchen
Bezug zu Bukowski hat sie, welchen haben die anderen Mitwirkenden?

Marie ist Profi. Zu Bukowski hat sie, vermute ich mal, dieselbe professionelle Beziehung
wie zu Italo Calvino: Sie erkennt einen erstklassigen Text auf Anhieb.
Armin Abmeier hat Bukowski als Verlagsvertreter jahrzehntelang in die Buchhandlungen
gedrückt. Ohne ihn hätten wir am Anfang gar nichts verkauft.
Thomas Schmitt hat die weltweit besten Bukowski-Videofilme gedreht.

Können Sie Bukowski – den Menschen, das Werk, den Freund – in fünf Sätzen beschreiben

Nach außen hat er gern den mürrischen Langweiler gespielt, aber hinter dieser Fassade war er
einer der gescheitesten und unterhaltsamsten Typen weit und breit.
Als Schriftsteller war er ein phänomenales Naturtalent und gleichzeitig sein härtester Kritiker:
Von seiner ganzen Produktion hielt er nur zehn Prozent für gelungen.
Als Identifikationsfigur war er auf den ersten Blick ganz gut geeignet, aber zur Nachahmung
nicht unbedingt zu empfehlen.
Als Freund war er unbezahlbar und unersetzlich.
Als Frauenversteher war er eine noch größere Pleite als Woody Allen.

Angenommen, Sie hätten die schöne Möglichkeit, ihn heute noch drei Dinge zu fragen –
welche wären das?

Muß man im Jenseits auf Giftschlangen achten? (Eines seiner Lieblingszitate stammte vom
Pathologen des San Pedro Peninsula Hospital: „Die Behandlung eines Patienten, mit dessen
Verdauung die Schlange bereits begonnen hat, ist nicht leicht.“)
Warum hast du dich damals von Betty mit einer Handtasche voll Cremepötten aus Porzellan
k.o. schlagen lassen?
Ich bin zu dem Schluß gekommen, dass du einer der interessanteren Zwangsneurotiker des
20. Jahrhunderts warst – siehst du das auch so?

Was ist Ihre intensivste Erinnerung an Charles Bukowski?

Auf seinem Stockwerk im Krankenhaus gab es am Ende des langen Korridors das einzige
Fenster, durch das man ein Stück Straße sehen konnte. Ich glaube, es war die Seventh Street.
Ein schmales Fenster im Querformat. Um hinausschauen zu können, musste man auf eine
Bank steigen.
Das ist das stärkste Bild, das ich von ihm in Erinnerung habe: Wie er nachmittags um fünf
auf dieser Sitzbank steht, obwohl er sich kaum auf den Beinen halten kann, und hinaus-
späht in die Freiheit. 

< Back